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2. Wiener Postgraduelle Fortbildung „Essstörungen und assoziierte Krankheitsbilder“, 19.-20. März 2010, Wien

 
Die 2. Wiener Postgraduelle Fortbildung Essstörungen wurde mit einem Eröffnungsvortrag von Prof. Friedrich, Vorstand der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie begonnen. Dabei wurden seine jahrzehntelangen Erfahrungen mit Patientinnen dieses Störungsbildes berichtet und Möglichkeiten und Grenzen therapeutischer Ansätze reflektiert.

Drei internationale Gastvorträge von Spitzenforscherinnen und -forschern aus Spanien, Belgien und Deutschland beleuchteten das Thema des Kongresses unter dem Aspekt der psychotherapeutischen Forschung und Versorgung sowie der Komorbiditäten dieser Erkrankung. Die Experten machten auch die internationale Zusammenarbeit der Wiener Univ.-Kliniken auf diesem Fachgebiet deutlich. Prof. Fernandez-Aranda, Barcelona, gab in seinem Vortrag zu Essstörungen bei Männern unter Berücksichtigung historischer Aspekte und der Prävalenzen einen guten Einblick in diese Thematik. Prof. Vandereycken, Leuven, präsentierte seinen innovativen und zur Diskussion anregenden Ansatz in der Behandlung von Essstörungen. Prof. De Zwaan (Erlangen) bot in ihrem engagierten Vortrag einen Überblick über evidenzbasierte Therapien bei Essstörungen.

Im Themenblock „Essstörungen und Sucht“ stellte Dr. Krug (Barcelona) Studien zur Epidemiologie süchtigen Verhaltens bei Essstörungen vor. Prof. Fischer (Univ.-Klinik für Psychiatrie, Wien) sprach in ihrem Vortrag über Therapie von Drogen- und Medikamentenabusus bei Essstörungen, gefolgt von Prof. Lesch, der die Therapie von Alkohol- und Nikotinabusus unter dem Gesichtspunkt der Essstörungen darstellte. Dr. Andorfer (Wien) stellte Ergebnisse einer Studie zu multi-impulsivem, selbstverletzendem Verhalten bei alkoholabhängigen Frauen vor. Mag. Langer widmete sich in ihrem Vortrag der Prävention von Essstörungen.

Im Themenblock „Therapiezugänge bei Essstörungen“ wurde die Wichtigkeit der familiendiagnostischen Abklärung und Familientherapie von Mag. Vita (Wien) aufgezeigt und therapeutische Konzepte für Patientinnen mit Essstörung erläutert: die Bedeutung der stationären Gruppentherapie in der Behandlung der Anorexia Nervosa (Dr. Werneck-Rohrer, Wien) und die Kunsttherapie bei Essstörungen (Mag. Lindinger, Wien).

Der Themenblock „Körperliche Störungen bei Essstörungen“ bot einen sehr guten Überblick über mit Essstörungen assoziierten somatischen Erkrankungen. Prim. Weiss referierte über internistische Medizin bei Essstörungen, Prof. Waldhauser gab einen guten Einblick in die Endokrinologie der Essstörungen und Ass.-Prof. Dörfler präsentierte in ihrem Beitrag wertvolle Beiträge zu gynäkologischen Aspekten, Folgen und Spätkomplikationen von Essstörungen. Die psychopharmakologische Therapie der Essstörungen wurde unter dem Aspekt empirischer Studien von Dr. Huemer (Wien) referiert. Den Abschluss der zweitägigen Fortbildung bildeten vier Workshops zu den Themen „Behandlung von selbstverletzendem Verhalten bei Essstörungen“ (Vandereycken, Leuven), „Elternarbeit in der Behandlung von Essstörungen“ (Flury-Jaeggi, Wien), „Körpertherapie bei Essstörungen“ (Haselberger, Wien) und Diätologische Beratung und stationäre Pflege bei Essstörungen (Fercher, Klabutscher & Reithofer, Wien), in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich noch vertiefend mit diesen Themen beschäftigen konnten.

Die von der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Prof. Karwautz und Mag. Wagner) und der Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Prof. Bailer) ausgezeichnet organisierte Fortbildung bot den zahlreichen etwa 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedenster Berufsgruppen sowohl einen sehr guten und umfassenden Einblick in die empirischen Forschungen zu dem Thema als auch viele Anregungen für die praktische Arbeit mit den von der Krankheit betroffenen Patientinnen und Patienten.

Besonders positiv fand ich als Teilnehmerin an der Tagung, dass die Vorträge durchwegs sehr praxisorientiert gestaltet waren, mit viel Enthusiasmus (z.B. Prof. Lesch, Prof. Vandereycken) vorgetragen wurden und es nach den Vorträgen und auch in den Pausen zu einem regen Gedankenaustausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern kam. Als Anregung für zukünftige Kongressgestaltung wäre vielleicht eine Diskussion nach jedem einzelnen Vortrag sinnvoll, da durch eine erst am Ende jedes Themenblocks stattfindende Diskussion vielleicht einiges an Input verloren geht.

Dr. rer.nat. Sonja Werneck-Rohrer, Univ.- Klinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, Medizinische Universität Wien

 

 

2. Wissenschaftlicher Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Essstörungen“, 25.- 27. Februar 2010, Aachen, D

 
Kongressbericht von A. Karwautz (28. 2. 2010)

Neben unzähligen Spitzenexperten (Forschern wie Klinikern) aus Deutschland waren 4 internationale englischsprachige Personen als Hauptreferenten eingeladen, zu referieren. Daneben waren auch mehrere Kollegen aus der Schweiz und Österreich im Programm vertreten. Die ENES (Schweiz) und die ÖGES waren Kooperationspartner der Tagung.

Als Hauptreferenten bot (1) Dr. Rachel Bryant-Waugh vom Great Ormond Hospital in London, UK einen Überblick über das Wissen zu Fütterstörungen, Ernährungsstörungen und Essstörungen bei unter 14-jährigen. Sie übte methodische Kritik an ihrem langjährigen Forschungsgebiet. Weder ist die Begrifflichkeit weltweit einheitlich, daher sind auch epidemiologischen Daten nicht valide; auch die Therapie ist von Zentrum zu Zentrum unterschiedlich, randomisiert-kontrollierte Studien gibt es bisher keine. Zur Vereinheitlichung der diagnostischen Kriterien wurde für die Entwicklung des DSM-V ein Proposal eingereicht.

(2) Prof. Jim Mitchell, von Neuropsychiatric Institute in Fargo, North Dacota, USA, bot einen konzisen Überblick über das bestehende Wissen zur Therapie der Bulimie. Medikamentös sind SSRIs und Topiramat die vielversprechendsten Substanzen, allerdings ist eine lediglich moderate Effektivität zu vermerken. Psychotherapie ist das primäre Mittel der Wahl, trotzdem sind manche Patienten mittels herkömmlicher Verfahren nicht heilbar. Innovative Ansätze mittels CD-ROM und Internet, SMS und Telemedizin wurden neben geleiteter Selbsthilfe als besonders sinnvoll hervorgehoben, auch zur alternativen Versorgung im Rahmen eines stepped-care approaches und als Nachsorge nach stationären Aufenthalten.

(3) Prof. Cindy Bulik von der University of North Carolina präsentierte neue Daten einer Pilotstudie, die ihren Fokus auf die Partner (Ehe- und Lebenspartner) bei von Anorexie Betroffenen legte. Information zu Essstörungen, Training von Coping und Kommunikationsstrategien sind dabei besonders wichtige Module, um den Heilungsprozess der Betroffenen zu befördern. Die Pilotintervention wurde mehrheitlich gut aufgenommen, besonders von den männlichen Partnern.

Die Vorstandsmitglieder der DGESS waren ebenfalls an der Tagung sehr aktiv: (4) Prof Beate Herpertz-Dahlmann (Aachen), die Kongresspräsidentin und Gastgeberin referierte über den Verlauf von adoleszenten Essstörungen (inklusiver neuester epidemiologischer und bildgebender Daten), (5) Prof. Martina de Zwaan (Erlangen) diskutierte die Frage, ob Adipositas eine Essstörung sei, (6) Prof. Brunna Tuschen-Caffier (Freiburg) referierte über die neuen Erkenntnisse zur Emotionsregulation bei Essstörungen, (7) Prof. Stephan Zipfel (Tübingen) referierte den State-of-the-art der Diagnostik und Therapie Erwachsener mit Anorexia, (8) Prof. Manfred Fichter (Prien) über Essstörungen bei Männern, (9) Prof. Stephan Herpertz (Dortmund) über den Stand der Entwicklung der S3-Leitlinien der Therapie der Essstörungen, die sehr weit gedeihen sind und deren Publikation bis spätestens Ende 2010 erwartet wird.

Als Preisträger des von der DGESS neu geschaffenen Hilde-Bruch Preises wurde Hr. Dr. Hans Christian Friederich von der Uniklinik in Heidelberg mit einer sehr persönlichen Laudatio durch seinen Mentor Prof. W. Herzog (Heidelberg) für seine rezenten Arbeiten zur Neuropsychologie der Anorexie mittels funktionellen MR Techniken geehrt.
 
Unter www.dgess.de sind die Abstracts der Hauptvorträge nachzulesen. Ein Gesamtabstractband ist leider weder online noch in Papierform verfügbar.

Über 300 Teilnehmer und 150 Vorragende haben zum Erfolg der Tagung beigetragen. Nur 4 Parallelsessions ermöglichten die Teilnahme an möglichst vielen Symposien. Thematisch waren im umfassenden Programm sowohl somatisch-medizinische als auch psychologisch/psychotherapeutische und präventive innovative Aspekte vertreten.

Die Tagung war eine ausgezeichnete Zusammenschau des derzeitigen Standes der Forschung in unzähligen Bereichen der Essstörungsforschung. Es wurde ein schöner Einblick in viele große und kleinere Studien ermöglicht.

Andreas Karwautz, Wien, 28. 2. 2010

 

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