Kongressbericht von A. Karwautz (28. 2. 2010)
Neben unzähligen Spitzenexperten (Forschern wie Klinikern) aus Deutschland waren 4 internationale englischsprachige Personen als Hauptreferenten eingeladen, zu referieren. Daneben waren auch mehrere Kollegen aus der Schweiz und Österreich im Programm vertreten. Die ENES (Schweiz) und die ÖGES waren Kooperationspartner der Tagung.
Als Hauptreferenten bot (1) Dr. Rachel Bryant-Waugh vom Great Ormond Hospital in London, UK einen Überblick über das Wissen zu Fütterstörungen, Ernährungsstörungen und Essstörungen bei unter 14-jährigen. Sie übte methodische Kritik an ihrem langjährigen Forschungsgebiet. Weder ist die Begrifflichkeit weltweit einheitlich, daher sind auch epidemiologischen Daten nicht valide; auch die Therapie ist von Zentrum zu Zentrum unterschiedlich, randomisiert-kontrollierte Studien gibt es bisher keine. Zur Vereinheitlichung der diagnostischen Kriterien wurde für die Entwicklung des DSM-V ein Proposal eingereicht.
(2) Prof. Jim Mitchell, von Neuropsychiatric Institute in Fargo, North Dacota, USA, bot einen konzisen Überblick über das bestehende Wissen zur Therapie der Bulimie. Medikamentös sind SSRIs und Topiramat die vielversprechendsten Substanzen, allerdings ist eine lediglich moderate Effektivität zu vermerken. Psychotherapie ist das primäre Mittel der Wahl, trotzdem sind manche Patienten mittels herkömmlicher Verfahren nicht heilbar. Innovative Ansätze mittels CD-ROM und Internet, SMS und Telemedizin wurden neben geleiteter Selbsthilfe als besonders sinnvoll hervorgehoben, auch zur alternativen Versorgung im Rahmen eines stepped-care approaches und als Nachsorge nach stationären Aufenthalten.
(3) Prof. Cindy Bulik von der University of North Carolina präsentierte neue Daten einer Pilotstudie, die ihren Fokus auf die Partner (Ehe- und Lebenspartner) bei von Anorexie Betroffenen legte. Information zu Essstörungen, Training von Coping und Kommunikationsstrategien sind dabei besonders wichtige Module, um den Heilungsprozess der Betroffenen zu befördern. Die Pilotintervention wurde mehrheitlich gut aufgenommen, besonders von den männlichen Partnern.
Die Vorstandsmitglieder der DGESS waren ebenfalls an der Tagung sehr aktiv: (4) Prof Beate Herpertz-Dahlmann (Aachen), die Kongresspräsidentin und Gastgeberin referierte über den Verlauf von adoleszenten Essstörungen (inklusiver neuester epidemiologischer und bildgebender Daten), (5) Prof. Martina de Zwaan (Erlangen) diskutierte die Frage, ob Adipositas eine Essstörung sei, (6) Prof. Brunna Tuschen-Caffier (Freiburg) referierte über die neuen Erkenntnisse zur Emotionsregulation bei Essstörungen, (7) Prof. Stephan Zipfel (Tübingen) referierte den State-of-the-art der Diagnostik und Therapie Erwachsener mit Anorexia, (8) Prof. Manfred Fichter (Prien) über Essstörungen bei Männern, (9) Prof. Stephan Herpertz (Dortmund) über den Stand der Entwicklung der S3-Leitlinien der Therapie der Essstörungen, die sehr weit gedeihen sind und deren Publikation bis spätestens Ende 2010 erwartet wird.
Als Preisträger des von der DGESS neu geschaffenen Hilde-Bruch Preises wurde Hr. Dr. Hans Christian Friederich von der Uniklinik in Heidelberg mit einer sehr persönlichen Laudatio durch seinen Mentor Prof. W. Herzog (Heidelberg) für seine rezenten Arbeiten zur Neuropsychologie der Anorexie mittels funktionellen MR Techniken geehrt.
Unter www.dgess.de sind die Abstracts der Hauptvorträge nachzulesen. Ein Gesamtabstractband ist leider weder online noch in Papierform verfügbar.
Über 300 Teilnehmer und 150 Vorragende haben zum Erfolg der Tagung beigetragen. Nur 4 Parallelsessions ermöglichten die Teilnahme an möglichst vielen Symposien. Thematisch waren im umfassenden Programm sowohl somatisch-medizinische als auch psychologisch/psychotherapeutische und präventive innovative Aspekte vertreten.
Die Tagung war eine ausgezeichnete Zusammenschau des derzeitigen Standes der Forschung in unzähligen Bereichen der Essstörungsforschung. Es wurde ein schöner Einblick in viele große und kleinere Studien ermöglicht.
Andreas Karwautz, Wien, 28. 2. 2010
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